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Secret of Evermore

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Von Redaktion videogames.de   01.10.1995 00:00 Uhr  
ca. 1142 Worte   Lesezeit ca. 4 Minuten   Auf X teilen
Inhalt:
  1. Das Spiel, das eine fremde Welt aus Erinnerungsfragmenten baut: Warum Secret of Evermore bis heute aus dem Raster fällt
  2. Ein Labor der Abstraktion statt eine romantische Expedition
  3. Die Schönheit der Umcodierung und ihr Preis
  4. Ein frühes Spiel über kulturelle Übersetzung und innere Anpassung

Entwickler: Square USA. Publisher: Square Soft. Leitende Entwickler: Designer, Alan Weiss, George Sinfield, Autoren, George Sinfield, Paul Mazurek, Künstler, Daniel Dociu, Beau Folsom, Programmierer, Brian Fehdrau. Plattform: SNES. Spiel-Engine: S.A.G.E. (Square's Amazing Graphical Editor), S.I.G.I.L. (Square Interpreted Game Intelligence Language). Genre: Action-Rollenspiel. Spielmodus: Einzelspieler. Bedienung: SNES-Controller. Sprache: Deutsch. Komponist: Jeremy Soule.

Das Spiel, das eine fremde Welt aus Erinnerungsfragmenten baut: Warum Secret of Evermore bis heute aus dem Raster fällt

Secret of Evermore ist eines jener Spiele, die sich der bequemen Einordnung entziehen, weil sie nicht einfach eine Fantasie erzählen, sondern die Fantasie selbst als industriell erzeugtes Artefakt ausstellen. Es ist ein Spiel über Zitate, über kulturelle Rekombination, über die merkwürdige Tatsache, dass Herkunft in der Popkultur oft weniger ein Ursprung als eine Montage ist. Gerade darin liegt seine Sonderstellung: Secret of Evermore ist kein großer Triumph der Welterschaffung, sondern ein Werk über Welterschaffung als Verfahren. Es schaut nicht nur auf die Bühne, sondern auch auf die Kulissen, auf die Materialien, aus denen ein Abenteuer zusammengesetzt wird. Wer es heute betrachtet, sieht nicht bloß ein eigenwilliges Action-Rollenspiel der 16-Bit-Ära, sondern ein früheres, erstaunlich klares Nachdenken über kulturelle Übersetzung, ästhetische Abstraktion und die Psychologie des Überlebens in einer Welt, die beständig ihre eigene Form wechselt.

Sein grundlegender Reiz liegt nicht in einer Liste von Features, sondern in einem einzelnen, beinahe paradoxen Kern: Secret of Evermore macht Anpassung zur eigentlichen Spielidee. Der Spieler beherrscht keine stabile Welt, sondern ein System permanenter Umcodierung. Biome, Gegner, Waffen, Alchemie, sogar Tonalität und Zeiträume wechseln fortlaufend, als wolle das Spiel demonstrieren, dass Identität unter den Bedingungen des Abenteuers nie natürlich, sondern immer konstruiert ist. Diese Mechanik besitzt eine fast anthropologische Schärfe. Das Spiel zwingt uns, in einer Abfolge von fremden Registern zu funktionieren, und verwandelt damit das Herkömmliche des Genrefortschritts in einen Akt der kulturellen Übersetzung. In einer Zeit, in der viele Action-Rollenspiele auf Expansion setzten, entschied sich Secret of Evermore für Verdichtung: nicht mehr Welt, sondern mehr Zustände der Welt.

Ein Labor der Abstraktion statt eine romantische Expedition

Im Vergleich zu seinen großen Vorbildern wirkt Secret of Evermore zunächst wie ein Werk der Ableitung. Und doch ist gerade diese zweite Ordnung sein eigentliches Thema. Es nimmt die Form des Abenteuer-Rollenspiels und entkleidet sie jener heiteren Gewissheiten, die das Genre häufig tragen. Der Hund als Begleiter ist kein bloßer Gimmick, sondern eine funktionale Antwort auf Isolation: ein autonomes Wesen, das den Spieler begleitet, Gegner bindet, Räume erschließt und damit die Erfahrung des Alleinseins stets relativiert. Die Beziehung zu ihm besitzt eine stille emotionale Verlässlichkeit, die das Spiel mehr über Bindung aussagt als viele explizit erzählte Kameradschaftsdramen. In ihm wird eine elementare Wahrheit sichtbar: Abenteuer ist nur dann erträglich, wenn es wenigstens ein treues Gegenüber gibt.

Die Alchemie wiederum ist der zentrale Ausdruck einer systematischen Eleganz, die Secret of Evermore von vielen zeitgenössischen Spielen unterscheidet. Sie ersetzt das klassische Magiesystem nicht einfach, sondern denkt es um. Statt statischer Zauber gibt es kombinierbare Essenzen, die als Rohmaterial einer improvisierten, organischen Macht erscheinen. Das ist mechanisch klug und thematisch folgerichtig. Zauberei wird nicht als ererbte Ordnung präsentiert, sondern als experimentelle Praxis, als Laborarbeit unter Zeitdruck. Der Effekt ist mehr als nur taktische Vielfalt. Er erzeugt eine Form von Viszeralität, in der Denken, Sammeln und Überleben ineinandergreifen. Man fühlt sich nicht mächtig, weil man einen Zauber gelernt hat, sondern weil man die Logik einer fremden Natur versteht und aus ihr Nutzen zieht.

Die Schönheit der Umcodierung und ihr Preis

Secret of Evermore ist bemerkenswert, weil es seine fremden Welten nicht als abgeschlossene Mythologien behandelt, sondern als überlagerte kulturelle Oberflächen. Antike, Science-Fiction, Barbarei, Horror und B-Movie-Ästhetik stehen nebeneinander, nicht als Mangel an Kohärenz, sondern als bewusste Dramaturgie der Verschiebung. Das Spiel versteht, dass der menschliche Blick die Welt ohnehin in Szenen zerlegt. Insofern ist es näher an einem Traum als an einem Reisebericht. Jeder neue Abschnitt behauptet eine andere Ontologie, doch unter der Oberfläche bleibt das gleiche Problem: Wie bewegt man sich in einer Ordnung, die man nicht geschaffen hat? Genau hier gewinnt das Spiel seine zeitlose Relevanz. Es spricht nicht nur über Abenteuer, sondern über das Leben in Systemen, die wir nur unvollständig begreifen - sei es technologisch, sozial oder emotional.

Gleichzeitig darf man seine Fehler nicht romantisieren. Secret of Evermore leidet unter einer gewissen Schwere im Kampf, unter einem bisweilen unbeholfenen Pacing und einer repetitiven Struktur, die den Einfallsreichtum nicht immer trägt. Gerade weil seine Mechanik auf Wandel baut, wirkt jede Phase, die sich zu lange an derselben Idee festhält, wie ein Verrat an der eigenen Dynamik. Auch seine Erzählung bleibt seltsam entkernt. Die Prämisse ist stark, die Inszenierung oft klug, doch die emotionale Architektur erreicht nie die Tiefe, die das Spiel impliziert. Hier zeigt sich eine klassische Ludonarrative Dissonanz, allerdings in milder, fast ehrlicher Form: Das Spiel behauptet eine existenzielle Reise, während seine Handlung häufig nur die logistische Kette von Übergängen begleitet. Man spürt die Ambition, aber auch die Grenzen eines Werks, das seine poetische Anlage nicht vollständig in dramatische Form übersetzen kann.

Ein frühes Spiel über kulturelle Übersetzung und innere Anpassung

Historisch nimmt Secret of Evermore eine sonderbare, aber wichtige Position ein. Es steht am Rand der Genreentwicklung, nicht im Zentrum des Kanons, und genau deshalb ist es aufschlussreich. Wo spätere Spiele die Verwischung von Weltbildern, Stilen und Medienreferenzen als postmoderne Signatur feierten, praktizierte Secret of Evermore diese Logik bereits, ohne sie laut zu benennen. Es ist ein Vorläufer jener Spiele, die nicht mehr nur eine geschlossene Fantasie simulieren, sondern die Montage selbst thematisieren. Zugleich ist es ein Produkt der frühen 90er Jahre, als das Rollenspiel noch stark an räumlicher Progression und klaren Kampfzyklen hing, aber bereits unter dem Druck stand, komplexere emotionale und ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen.

Gerade in psychologischer Hinsicht bleibt das Spiel interessant. Sein ständiger Wechsel zwischen Fremdheit und Vertrautheit spiegelt eine Grundsituation moderner Erfahrung: das Leben als fortgesetzte Anpassungsleistung. Der Protagonist wird nicht zum Helden durch Herkunft, sondern durch Operationalität. Er muss sich in wechselnden Räumen orientieren, Ressourcen lesen, Muster erkennen, Affekte regulieren. Das ist weniger eskapistisch, als es zunächst scheint. Secret of Evermore ist ein Spiel über das Ich als Funktionsform in einer instabilen Umgebung. Seine Welt ist nicht heil, nicht vollständig, nicht tröstlich. Aber sie ist lesbar, und genau darin liegt ihr humanistischer Impuls.

Das endgültige Urteil über Secret of Evermore muss deshalb doppelt ausfallen. Als Erzählung ist es fragmentarisch, manchmal spröde, gelegentlich unterentwickelt. Als Designobjekt jedoch ist es von seltener Klarheit: ein Spiel, das Abstraktion nicht als Verarmung, sondern als Erkenntnismittel einsetzt. Sein größtes Verdienst besteht darin, dass es die Anpassung selbst zum Abenteuer macht und daraus eine stille, aber anhaltende Nachwirkung gewinnt. Secret of Evermore ist kein makelloses Meisterwerk. Es ist etwas interessanteres: ein Werk, das seine eigenen Grenzen offenlegt und gerade dadurch seine Originalität bewahrt. In der Geschichte des Mediums gehört es zu jenen Spielen, die weniger laut strahlen als tief glühen. Das macht es nicht nur erinnerungswürdig, sondern zeitlos.